Die Bahnstation der Selbstmörder

Der Bahnhof war leer. Der Wind trieb entlang des Bahnsteigs ein von einer Bank gestohlenes Zeitungsblatt, das dort ein Reisender zurückgelassen hatte.

Jetzt, da ich den Entschluss gefasst hatte und ich mich bereits am Ort des Geschehens befand, war ich die ekelhafte Unruhe der letzten Tage los. Es war die Ruhe vor dem Sturm oder für mich eher die Ruhe vor dem endgültigen Aus. Oder vielleicht auch nicht.

Niemand war zurückgekehrt, um uns zu sagen, ob es „drüben“ Ruhe oder Qual gab. Wenn man dem Aberglauben der Priester Glauben schenkt, gibt es Ruhe im Paradies und Qual in der Hölle. Ich richte mich nicht nach Vermutungen.

Ich richte mich übrigens nach nichts, so scheint es, da ich auf diesem leeren Bahnhof angelangt bin. – Eigentlich mehr eine verwahrloste Bahnstation, an der nur ein Zug am Tag hält. Der Ort, um meine Tage zu beenden, an dem ich mich unter die Räder des ersten vorbeifahrenden Güterzugs werfen würde. Ich hätte auch eine andere Art von Suizid wählen können, bei dem mein Körper intakt geblieben wäre, so dass ich mich gepudert und zurechtmacht zum letzten Mal der Welt hätte präsentieren können. Besser: Andere würden mich präsentieren können, und nicht so zugerichtet von einem Güterzug, dass meiner armen blöden Verwandtschaft wohl nichts anderes übrig bleiben würde, als mich zu verbrennen.

Den Hund hatte ich nicht kommen sehen, hatte ihn nur gespürt, als er sich zu mir setzte. Es war ein Köter, ein Kläffer, eine Töle von mittlerer Größe. Er saß auf seinem Hintern, und sein Kopf befand sich etwas oberhalb meines Knies. Nicht viel, nur ein wenig oberhalb. Er betrachtete die Bahnschienen so ruhig wie ich. Ich streichelte instinktiv seinen Kopf. Er akzeptierte es, ohne zu zucken.

Als der erste Güterzug mit großer Geschwindigkeit vorbeifuhr, zählte ich seine Waggons. Es waren 32. Eine gute Weile nach dem Verschwinden des Güterzuges glotzte ich auf die Gleise, um meinen sterblichen Resten auf die Spur zu kommen. Der Hund weckte mich aus meinen Träumereien, indem er mir den Handrücken leckte.

Ich ging langsam zum Parkplatz hinter den Bahnhof, wo ich meinen Wagen geparkt hatte. Nur als der Motor beim ersten Versuch nicht anging, knurrte oder eher seufzte er; aber als der Wagen losfuhr, verkroch er sich wie ein Fötus im Bauch seiner Mutter und schlief ein.

In der Bahnhofsbar schlürften Hans und Georg ihr Bier und blickten entspannt über die Gleise in Richtung eines sich dort abzeichnenden Weinbergs.

Julius, der Barmann, trocknete die Gläser ab, ohne zu sehr bei der Sache zu sein. Seine Gedanken waren noch von der außerehelichen Sexpartie der vergangenen Nacht in Anspruch genommen. Hans‘ Stimme weckte ihn aus seiner Träumerei, obwohl Hans gar nicht mit ihm redete.

Eigentlich hatte Hans nicht die Absicht, mit irgendjemandem zu sprechen. Er dachte nur laut, das war alles: „Seit wie vielen Jahren kommt der Mann mit dem Hund jeden Tag hierher?“

„Weiß nicht, seit 7 oder vielleicht 10 Jahren, ich weiß es nicht mehr genau“, antwortete Julius.

„Warst Du dabei?“ fragte Georg, obwohl er wusste, dass es so war. Deshalb fuhr er fort: „Der Güterzug hat sie zermalmt. Ich habe die Fotos in der Zeitung gesehen.“

„Scheiß‘ auf die Zeitungsfotos. Hättest dabei sein sollen wie ich, das Schreckliche mit eigenen Augen hättest Du sehen sollen. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich nachts nass-geschwitzt wach geworden bin und mein Herz hat gerast wie ein Schnellzug. Ich habe auch von ihm geträumt, dem Mann mit dem Hund, wie er mitten auf dem Gleis vor Verzweiflung geschrien hat“, sagte Julius.

„Man erzählt sich, dass sie erst kurze Zeit verheiratet waren, das hat mir eine Kusine gesagt“, entgegnete Georg. Georg zündete sich eine Zigarette an, atmete tief ein, dann atmete er den Rauch zwischen den Worten aus.

„Von ihr sagt man, dass sie ihn mehr geliebt hat. Aber nicht nur mehr, sondern viel, viel mehr. Deshalb hat sie sich ja auch vor den Güterzug geworfen.

Sie hatte eine Freundin, der hat sie sich anvertraut. Der hat sie gesagt, sie bringt sich um, denn sie hätte die Klimax erreicht, was immer das ist. Ich habe mir das Wort gemerkt, weil es interessant klang, aber nicht versucht rauszufinden, was es bedeutet. Und sie hat ihrer Freundin noch gesagt, dass so viel Glück wehtut.“

„Die Klimax, ja, ja“, sagte auch Hans. „Das Wort hat mich auch schockiert. Aber ich habe rausgekriegt, was es bedeutet.

„Sag’s mir lieber nicht, laß es lieber interessant klingen“, entgegnete Georg.

„Ganz bei Trost war sie eh nicht. Ich habe gehört, soll sie gesagt haben, dass mehr Liebe nicht möglich ist und auch nicht mehr Glück. Dass sie jetzt sterben will, in der Scheißklimax, dass sie nicht die Enttäuschung einer verlorenen Liebe, oder so, erleben will, dass die Liebe heute da ist und morgen nicht mehr.

Das sage ich, weil ich weiß, dass sie, dass die Tote gebildet war, von ihr kamen noch andere, viel schönere Worte, da war man sprachlos. Kaum zu glauben, dass ihre Freundin, ihre Vertraute, sich solch besonderen Worte gemerkt hat.“

„Die ist doch auch kein Dummchen”, schmunzelte Julius hinter der Theke. Sie ist Lehrerin.“

„Schon, aber nicht die Frau Lehrerin hat sich umgebracht“, erwiderte Hans.

„Du, sie hat wohl nicht die Klimax gefunden“, lachte Georg und brachte auch die beiden anderen zum Lachen.

„Gib noch einen aus“, sagte Hans, nachdem er aufgehört hatte zu lachen.

„Mir tut auf jeden Fall dieser Unglückliche mit dem Hund leid. Jeden Tag kommt er her, immer zur gleichen Zeit, bei Schnee und bei Regen. Und was für eine guter Junge er war, er hatte sein Medizinstudium beendet.“

„Hier habt Ihr Euer Bier. 4 Euro.“

„Und was hat er von seinem Medizinstudium? Er ist gleich nach der Tragödie verrückt geworden und ist es geblieben. Irrt herum, spricht mit niemandem. Nur mit dem Hund, aber auch mit dem nicht viel, soviel ich sehen konnte“, sagte Georg.

Hans nahm einen großen Schluck Bier, und danach rülpste er. „Ein Jahr lang war er auch in der Irrenanstalt.“

„Von dort hat er auch den Hund“, sagte Georg und nahm einen großen Schluck Bier.

„Was Du nicht sagst“, pflichtete Hans ihm bei.

Julius, der keine Geduld mehr hatte, Georg zuzuhören, entgegnete: „Das mit dem Hund ist ja auch so’n Ding. Er fristete sein Dasein in der Nähe der Anstaltsküche. Er hatte eine Kameradin, ein Hundemädchen, mit der er das Fressen teilte. Scheinbar war sie taub, sie hat wohl den Wagen nicht gehört, der sie gestreift hat. Sie war gleich tot, und die von der Küche haben sie in einen Graben geworfen.

Von dem Augenblick an hat der Hund nichts mehr gefressen und fing an, sie zu bewachen. Er bewachte sie tagelang, er war nur noch Haut und Knochen, so dass die von der Küche dachten, er würde auch krepieren.

Aber er ist nicht krepiert, weil der Mann aus der Irrenanstalt entlassen wurde. Seine Behandlung war wohl beendet, oder er hatte kein Geld mehr für’s Krankenhaus, wer will das wissen.

Man weiß nur, dass, als er rauskam, der Hund zu ihm ging, so als hätte er ihn erwartet. Der Mann streichelte ihm den Kopf, und als das Taxi ihn abholen kam, öffnete er dem Hund die hintere Tür, und der stieg ein, als ob nichts wär‘. Und seitdem sind sie unzertrennlich.“

Hans trank noch den letzten Tropfen Bier aus seinem Bierglas, stand auf und grüßte zum Abschied. Er trat heraus auf den Bahnsteig, atmete tief ein, und im nächsten Augenblick stürzte er sich vor den Güterwagen, der gerade in den Bahnhof einfuhr.

Der Bahnhof war leer. Der Wind trieb entlang des Bahnsteigs ein von einer Bank gestohlenes Zeitungsblatt, das dort ein Reisender zurückgelassen hatte.
Jetzt, da ich den Entschluss gefasst hatte und ich mich bereits am Ort des Geschehens befand, war ich die ekelhafte Unruhe der letzten Tage los. Es war die Ruhe vor dem Sturm oder für mich eher die Ruhe vor dem endgültigen Aus. Oder vielleicht auch nicht.
Niemand war zurückgekehrt, um uns zu sagen, ob es „drüben“ Ruhe oder Qual gab. Wenn man dem Aberglauben der Priester Glauben schenkt, gibt es Ruhe im Paradies und Qual in der Hölle. Ich richte mich nicht nach Vermutungen.
Ich richte mich übrigens nach nichts, so scheint es, da ich auf diesem leeren Bahnhof angelangt bin. – Eigentlich mehr eine verwahrloste Bahnstation, an der nur ein Zug am Tag hält. Der Ort, um meine Tage zu beenden, an dem ich mich unter die Räder des ersten vorbeifahrenden Güterzugs werfen würde. Ich hätte auch eine andere Art von Suizid wählen können, bei dem mein Körper intakt geblieben wäre, so dass ich mich gepudert und zurechtmacht zum letzten Mal der Welt hätte präsentieren können. Besser: Andere würden mich präsentieren können, und nicht so zugerichtet von einem Güterzug, dass meiner armen blöden Verwandtschaft wohl nichts anderes übrig bleiben würde, als mich zu verbrennen.
Den Hund hatte ich nicht kommen sehen, hatte ihn nur gespürt, als er sich zu mir setzte. Es war ein Köter, ein Kläffer, eine Töle von mittlerer Größe. Er saß auf seinem Hintern, und sein Kopf befand sich etwas oberhalb meines Knies. Nicht viel, nur ein wenig oberhalb. Er betrachtete die Bahnschienen so ruhig wie ich. Ich streichelte instinktiv seinen Kopf. Er akzeptierte es, ohne zu zucken.
Als der erste Güterzug mit großer Geschwindigkeit vorbeifuhr, zählte ich seine Waggons. Es waren 32. Eine gute Weile nach dem Verschwinden des Güterzuges glotzte ich auf die Gleise, um meinen sterblichen Resten auf die Spur zu kommen. Der Hund weckte mich aus meinen Träumereien, indem er mir den Handrücken leckte.
Ich ging langsam zum Parkplatz hinter den Bahnhof, wo ich meinen Wagen geparkt hatte. Nur als der Motor beim ersten Versuch nicht anging, knurrte oder eher seufzte er; aber als der Wagen losfuhr, verkroch er sich wie ein Fötus im Bauch seiner Mutter und schlief ein.

In der Bahnhofsbar schlürften Hans und Georg ihr Bier und blickten entspannt über die Gleise in Richtung eines sich dort abzeichnenden Weinbergs.
Julius, der Barmann, trocknete die Gläser ab, ohne zu sehr bei der Sache zu sein. Seine Gedanken waren noch von der außerehelichen Sexpartie der vergangenen Nacht in Anspruch genommen. Hans‘ Stimme weckte ihn aus seiner Träumerei, obwohl Hans gar nicht mit ihm redete.
Eigentlich hatte Hans nicht die Absicht, mit irgendjemandem zu sprechen. Er dachte nur laut, das war alles: „Seit wie vielen Jahren kommt der Mann mit dem Hund jeden Tag hierher?“
„Weiß nicht, seit 7 oder vielleicht 10 Jahren, ich weiß es nicht mehr genau“, antwortete Julius.
„Warst Du dabei?“ fragte Georg, obwohl er wusste, dass es so war. Deshalb fuhr er fort: „Der Güterzug hat sie zermalmt. Ich habe die Fotos in der Zeitung gesehen.“
„Scheiß‘ auf die Zeitungsfotos. Hättest dabei sein sollen wie ich, das Schreckliche mit eigenen Augen hättest Du sehen sollen. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich nachts nass-geschwitzt wach geworden bin und mein Herz hat gerast wie ein Schnellzug. Ich habe auch von ihm geträumt, dem Mann mit dem Hund, wie er mitten auf dem Gleis vor Verzweiflung geschrien hat“, sagte Julius.
„Man erzählt sich, dass sie erst kurze Zeit verheiratet waren, das hat mir eine Kusine gesagt“, entgegnete Georg. Georg zündete sich eine Zigarette an, atmete tief ein, dann atmete er den Rauch zwischen den Worten aus.
„Von ihr sagt man, dass sie ihn mehr geliebt hat. Aber nicht nur mehr, sondern viel, viel mehr. Deshalb hat sie sich ja auch vor den Güterzug geworfen.
Sie hatte eine Freundin, der hat sie sich anvertraut. Der hat sie gesagt, sie bringt sich um, denn sie hätte die Klimax erreicht, was immer das ist. Ich habe mir das Wort gemerkt, weil es interessant klang, aber nicht versucht rauszufinden, was es bedeutet. Und sie hat ihrer Freundin noch gesagt, dass so viel Glück wehtut.“
„Die Klimax, ja, ja“, sagte auch Hans. „Das Wort hat mich auch schockiert. Aber ich habe rausgekriegt, was es bedeutet.
„Sag’s mir lieber nicht, laß es lieber interessant klingen“, entgegnete Georg.
„Ganz bei Trost war sie eh nicht. Ich habe gehört, soll sie gesagt haben, dass mehr Liebe nicht möglich ist und auch nicht mehr Glück. Dass sie jetzt sterben will, in der Scheißklimax, dass sie nicht die Enttäuschung einer verlorenen Liebe, oder so, erleben will, dass die Liebe heute da ist und morgen nicht mehr.
Das sage ich, weil ich weiß, dass sie, dass die Tote gebildet war, von ihr kamen noch andere, viel schönere Worte, da war man sprachlos. Kaum zu glauben, dass ihre Freundin, ihre Vertraute, sich solch besonderen Worte gemerkt hat.“
„Die ist doch auch kein Dummchen”, schmunzelte Julius hinter der Theke. Sie ist Lehrerin.“
„Schon, aber nicht die Frau Lehrerin hat sich umgebracht“, erwiderte Hans.
„Du, sie hat wohl nicht die Klimax gefunden“, lachte Georg und brachte auch die beiden anderen zum Lachen.
„Gib noch einen aus“, sagte Hans, nachdem er aufgehört hatte zu lachen.
„Mir tut auf jeden Fall dieser Unglückliche mit dem Hund leid. Jeden Tag kommt er her, immer zur gleichen Zeit, bei Schnee und bei Regen. Und was für eine guter Junge er war, er hatte sein Medizinstudium beendet.“
„Hier habt Ihr Euer Bier. 4 Euro.“
„Und was hat er von seinem Medizinstudium? Er ist gleich nach der Tragödie verrückt geworden und ist es geblieben. Irrt herum, spricht mit niemandem. Nur mit dem Hund, aber auch mit dem nicht viel, soviel ich sehen konnte“, sagte Georg.
Hans nahm einen großen Schluck Bier, und danach rülpste er. „Ein Jahr lang war er auch in der Irrenanstalt.“
„Von dort hat er auch den Hund“, sagte Georg und nahm einen großen Schluck Bier.
„Was Du nicht sagst“, pflichtete Hans ihm bei.
Julius, der keine Geduld mehr hatte, Georg zuzuhören, entgegnete: „Das mit dem Hund ist ja auch so’n Ding. Er fristete sein Dasein in der Nähe der Anstaltsküche. Er hatte eine Kameradin, ein Hundemädchen, mit der er das Fressen teilte. Scheinbar war sie taub, sie hat wohl den Wagen nicht gehört, der sie gestreift hat. Sie war gleich tot, und die von der Küche haben sie in einen Graben geworfen.
Von dem Augenblick an hat der Hund nichts mehr gefressen und fing an, sie zu bewachen. Er bewachte sie tagelang, er war nur noch Haut und Knochen, so dass die von der Küche dachten, er würde auch krepieren.
Aber er ist nicht krepiert, weil der Mann aus der Irrenanstalt entlassen wurde. Seine Behandlung war wohl beendet, oder er hatte kein Geld mehr für’s Krankenhaus, wer will das wissen.
Man weiß nur, dass, als er rauskam, der Hund zu ihm ging, so als hätte er ihn erwartet. Der Mann streichelte ihm den Kopf, und als das Taxi ihn abholen kam, öffnete er dem Hund die hintere Tür, und der stieg ein, als ob nichts wär‘. Und seitdem sind sie unzertrennlich.“

Hans trank noch den letzten Tropfen Bier aus seinem Bierglas, stand auf und grüßte zum Abschied. Er trat heraus auf den Bahnsteig, atmete tief ein, und im nächsten Augenblick stürzte er sich vor den Güterwagen, der gerade in den Bahnhof einfuhr.

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